Baugeld in Hamburg wird teurer

Hamburger Abendblatt | 30.11.2016 | Seite 6

Immobilienkredite kosten 30 Prozent mehr als vor zwei Monaten. Sparer profitieren kaum von höheren Zinsen

Steffen Preißler

Hamburg Im Sommer freuten sich Immobilienkäufer noch über Baugeldzinsen von knapp einem Prozent. Bei zehnjähriger Zinsbindung mussten die Kunden zum Beispiel bei der Postbank nur 0,95 Prozent Zinsen zahlen. Wer erst jetzt sein Wunschobjekt gefunden hat und die Zinskonditionen studiert, wird überrascht sein. Die Zeit der extrem niedrigen Zinsen ist vorbei. Für viele unbemerkt haben die Konditionen längst die Marke von einem Prozent wieder überschritten. Für eine zehnjährige Zinsbindung müssen inzwischen bis zu 1,75 Prozent Zinsen (Postbank und Santander Bank) bezahlt werden. Auch die Hamburger Institute haben die Zinsen für Bauherren und Immobilienkäufer erhöht, in der Spitze um 0,43 Prozentpunkte seit Mitte September wie bei der Sparkasse Harburg-Buxtehude (Grafik).

„Wir haben in den letzten Wochen deutliche Zinsanhebungen gesehen“, sagt Max Herbst von der FMH-Finanzberatung, die Bankkonditionen analysiert. „Mehr als 50 Banken und Sparkassen haben seit der Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten die Baugeldzinsen angehoben.“

Im Durchschnitt sind die zehnjährigen Baugeldzinsen in Hamburg seit Mitte September um 0,33 Prozentpunkte gestiegen. Das mag nicht viel erscheinen, aber insgesamt verteuert das eine Baufinanzierung über zehn Jahre Laufzeit um rund 10.000 Euro. Bei einem Kredit über 300.000 Euro steigt die monatliche Belastung (nur Zinszahlungen ohne Tilgung) von 268 Euro auf 350 Euro, also um 30 Prozent. Auch bei einer 15-jährigen Zinsbindung muss mit einer ähnlichen Mehrbelastung gerechnet werden. In diesem Bereich sind die Zinsen zum Teil schon deutlich über zwei Prozent gestiegen.

Die Zinswende geht von den USA aus. „Spätestens seit der Trump-Wahl sehen wir dort einen deutlichen Zinsanstieg, und davon kann sich auch Europa nicht abkoppeln“, sagt Jochen Intelmann, Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse (Haspa). Der künftige US-Präsident will die Steuern senken und für Infrastrukturprogramme über zehn Jahre insgesamt eine Billion Dollar ausgeben. „Das spricht für steigende Staatsverschuldung, höheres Wachstum und höhere Inflation“, sagt Intelmann. Die Zinsexperten rechnen Mitte Dezember mit einer Erhöhung der US-Leitzinsen. „Auch im nächsten Jahr gehen wir noch von zwei weiteren Zinserhöhungsschritten der US-Notenbank aus“, sagt Sönke Niefünd von der Otto M. Schröder Bank. Dennoch werde die Europäische Zentralbank (EZB) weiter eine sehr lockere Geldpolitik verfolgen und ihren Leitzins bei null Prozent belassen, erwartet Niefünd. Doch warum beeinflusst dann die Zinsentwicklung in den USA so stark das Zinsniveau in Deutschland?

Die Baugeldzinsen richten sich nach den Renditen von Pfandbriefen. Das sind Anleihen, die mit Grundstücken besichert sind. Sie entwickeln sich im Gleichklang mit Bundesanleihen. Das sind Anleihen, die der Staat herausgibt. Da die Renditen der Bundesanleihen in den vergangenen Wochen stark gestiegen sind, haben auch die Renditen der Pfandbriefe angezogen. Folglich wurden auch Baukredite teurer. Bisher sind viele Großanleger mit ihrem Geld in zehnjährige Bundesanleihen geflüchtet. Das hat sogar zu einer negativen Rendite geführt. Inzwischen liegen die Renditen wieder bei 0,24 Prozent. In den USA wird aber eine zehnjährige Staatsanleihe bereits mit 2,35 Prozent verzinst. „Dieser Abstand sorgt dafür, dass Geld aus Europa in die USA abfließt“, sagt Intelmann. Ohnehin spreche künftig mehr für den Dollar als den Euro. „Den Tiefpunkt der Zinsen haben wir in Europa aber gesehen“, sagt Intelmann. Denn auch in Europa zieht die Inflation an. Für Deutschland erwartet der Experte 2017 eine Preissteigerungsrate von 1,5 Prozent. Verglichen mit dem aktuellen Niveau ist das fast eine Verdoppelung. „Die aktuelle Marktlage spricht dafür, dass die Zinsen für eine Baufinanzierung momentan eher wieder steigen“, sagt ein Sprecher der Deutschen Bank. Nur das milliardenschwere Aufkaufprogramm von Staats- und Firmenanleihen der EZB verhindert, dass die Zinsen schneller steigen. Eine Rückkehr zu Konditionen von weniger als einem Prozent ist in den nächsten Monaten wenig wahrscheinlich. Dennoch sollten sich Immobilienkäufer nicht verunsichern lassen, rät Dirk Scobel von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Die Zinsen sind nach wie vor sehr günstig.“ Außerdem lohne der Vergleich von Konditionen. Die günstigsten Zinsen haben Baugeldvermittler.

Während die Zinsen für das Baugeld steigen, spüren die Sparer von einer Zinswende noch kaum etwas. „Das liegt daran, dass sehr viel Geld auf Tagesgeldkonten geparkt wird“, sagt Herbst. Entscheidend dafür sind aber die kurzfristigen Zinsen, die sich kaum verändert haben. Dennoch tut sich auch einiges bei den Sparzinsen. Die Haspa hat die Zinsen für ihr Zielsparen um bis zu 0,40 Prozentpunkte erhöht. Bei 15 Jahren Laufzeit werden 1,50 Prozent Zinsen gezahlt. Für neues Geld bietet die Deutsche Bank 0,75 Prozent Zinsen bei sechsmonatiger Bindung. Zuvor gab es lediglich 0,20 Prozent für ein Jahr. Für verschiedene Laufzeiten stiegen die Konditionen auch bei der Bank Credit Agricole um 0,20 Prozentpunkte. Für ein zweijähriges Festgeld werden 1,36 Prozent Zinsen gezahlt. „Eine Zinswende für die Sparer sehen wir noch nicht“, sagt Herbst. „Es gibt zu viel Geld, das nach Anlagemöglichkeiten sucht.“

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